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Comic-Review: Castro (Carlsen)

Castro
Reinhard Kleist versucht mit seiner Graphic Novel eine der faszinierendsten und gleichzeitig widersprüchlichsten Personen des 20. Jahrhunderts zu erfassen.

(C) Carlsen Verlag / (C) Carlsen / Zum Vergrößern auf das Bild klickenZehn US-Präsidenten hat er in Amt und Würden erlebt, seit er 1959 mit seinen Getreuen an die Macht gekommen ist und die Zuckerrohrinsel im Hinterhof der Vereinigten Staaten nach seinen Vorstellungen umgekrempelt hat: Fidel Castro, ewiger Revolutionär, lebende Legende und scheinbar auch im 85. Lebensjahr einfach nicht totzukriegen. Mit Barack Obama sitzt nun bei den verhassten Nachbarn im Norden Staatschef Nummer 11 im Oval Office, und noch immer lässt der "Maxímo Líder" mit Äußerungen zu den weltweiten Geschehnissen aufhorchen – auch wenn er das politische Tagesgeschäft zumindest offiziell seinem Bruder Raúl überlassen hat. Dass Castro aber auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Revolution noch immer das Sagen in Kuba hat, ist für Beobachter unbestritten.


Im Jahr 20 nach dem Kollaps des Weltkommunismus und beinahe ein Jahrzehnt nach den verhängnisvollen Anschlägen vom 11. September wirkt der "Comandante en Jefe" wie ein Fossil aus einer längst vergangenen Epoche, wie ein Schreckgespenst aus dem Kalten Krieg, das mit seinem Hasardieren die Welt in der Raketenkrise 1962 an den Rand der atomaren Vernichtung gebracht hat. Und doch kann man sich die Sozialistische Republik Kuba ohne ihn nicht vorstellen – ebenso wie Castro seit dem Beginn seiner politischen Karriere von einer mystischen Aura umgeben ist. Reinhard Kleist, der Kuba im Jahr 2008 vier Wochen lang bereist hat und als Ergebnis "Havanna – Eine kubanische Reise" vorgelegt hat, widmet sich mit seiner neuen Graphic Novel dem streitbaren Anführer.


Als Vehikel für das Vorantreiben der Geschehnisse dient der fiktive deutsche Journalist Karl Mertens, der auf dem Höhepunkt des Kampfs gegen den mit amerikanischer Unterstützung regierenden Diktator Batista auf Castro und seine Kämpfer in den Bergen der Sierra Maestra trifft. Der junge Gringo wird vom Idealismus der Revolutionäre förmlich angesteckt und begleitet sie von nun an mit der Kamera, gleichzeitig fühlt er sich zur attraktiven Lara hingezogen. Dann ein Schnitt: Die Revolution hat gesiegt, der Tyrann ist gestürzt, das ganze Land im Auf- und Umbruch. Karl wirft seine journalistische Objektivität über Bord und werkt tatkräftig am Aufbau des Sozialismus mit – und blendet die Schattenseiten der zunehmend totalitären Herrschaft Castros aus. Bis es schließlich zu spät ist und er vor die Wahl seines Lebens gestellt wird – eine Wahl, mit deren Konsequenzen er bis ins Alter leben muss.


Mit zunehmender Geschwindigkeit werden in den drei Kapiteln mehr als fünf Jahrzehnte Geschichte abgespult, jedoch ohne gehetzt zu wirken oder Platzhalter zu produzieren. Die Meisterschaft bei Kleists Arbeit besteht vielmehr darin, nuanciert die kleinen Puzzlestücke zusammenzufügen, die das komplexe Bild des real existierenden Sozialismus kubanischer Prägung ergeben. Wie sich allmählich Castros wahre Absichten enthüllen und Karl gleichzeitig zum glühenden Verfechter der Verblendung mutiert, ist großartig gelungen und macht "Castro" zu einer lebendigen Abhandlung von Geschichte. Gerade die Tatsache dass der Mann aus Deutschland weder verkappter Intellektueller noch proletarischer Superheld ist, macht ihn so glaubwürdig und menschlich greifbar. Das Artwork präsentiert sich teils sehr reduziert, um an wenigen ausgewählten Passagen schließlich beinahe expressionistische Züge hervorblitzen zu lassen. Man ist versucht zu sagen, dass Kleist die farbenfrohen Versprechungen der Revolution, die ihre Kinder frisst, mit sachlich schlichtem Schwarz-weiß treffend konterkariert. "Castro" ist eine klare Empfehlung nicht nur für politisch Interessierte, die ein modernes Rätsel zwar natürlich nicht aufzulösen, aber sehr einfühlsam zu beschreiben vermag.



# # # Andreas Grabenschweiger # # #






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