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Comic-Review: Der spazierende Mann (Carlsen)

der_spazierende_mann (c) Carlsen
Die Entdeckung der Langsamkeit: Mitte der 1990er erschien Jiro Taniguchis Comic-Kurzgeschichtensammlung "Aruko Hito" erstmalig gesammelt, Carlsen hat nun "Der spazierende Mann" auf Deutsch herausgebracht. Ein Comic wie eine buddhistische Meditation, Zen in die Form einer Graphic Novel gegossen.

der_spazierende_mann (c) Carlsen / Zum Vergrößern auf das Bild klickenEin Mann. Wir wissen nicht viel von ihm: Weder seinen Namen, noch seinen Beruf. Er ist mit seiner Frau in die Vorstadt (welcher Stadt wissen wir auch nicht) gezogen, und nun erforscht er seine neue Umgebung. In 18 Spaziergängen, die jeweils acht Seiten umfassen.


Der Mann ist weder rastlos suchender Wanderer, noch großstädtischer Flaneur. Er ist schlicht und einfach Spaziergänger. Und es ist nichts Spektakuläres, was ihm widerfährt. Es sind die kleinen Dinge des Alltags – der erste Schneefall, ein Sommerregen, flüchtige Begegnungen mit Anderen – die im Mittelpunkt stehen.


Die Dialoge spielen dabei eine untergeordnete Rolle, manche der Geschichten kommen ganz ohne Sprache aus. Sinneseindrücke, also Gesehenes, Geräusche, Gerüche, (Tast- und Körper-) Gefühle sind wichtiger. Die Beobachtung steht über der Reflexion. Jiro Taniguchi will nichts nach- oder beweisen, er kommentiert nicht, er zeigt. Er lädt die Leser dazu ein, seinen Protagonisten auf dessen Spaziergänge zu begleiten, und sich ihm gleich an den einfachen Dingen, die ihm widerfahren, zu erfreuen.


Die Leser müssen allerdings bereit sein, sich darauf auch einzulassen: Auf die Langsamkeit, das Unspektakuläre, die Ruhe und Stille der Erzählung. Nicht trotz, sondern gerade wegen der Einfachheit und scheinbaren Banalität der Geschichten sind Kontemplation, Aufmerksamkeit und Konzentration beim Lesen erforderlich.


Ist die Handlung in ihrer Geruhsamkeit und Stille eher in der östlichen Philosophie verortet, sind die Zeichnungen stark von der europäischen Comic-Kultur beeinflusst: Der klare, nüchterne Zeichenstil ist deutlich an die frankobelgische Schule der Ligne Claire angelehnt, Taniguchis präziser Strich, seine nie überfrachteten Bilder konvenieren hervorragend mit dem leisen Duktus der Erzählungen.


Bleibt einzig ein Wermutstropfen: Das Format. Es wäre schön gewesen, hätte Carlsen Jiro Taniguchis Werk größer vorgelegt. In A5 verlieren die Zeichnungen doch einiges von ihrer Kraft und Detailfülle; größere Panels hätten den Lesern die Spaziergänge durch Taniguchis Zeichnungen um einiges erleichtert und die Lektüre vielleicht noch gewinnbringender gestaltet.

# # # Gustav Ganz # # #



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